Kleine Philosophie des Papiertheaters

Werkstattgespräch mit Annette Töpel über ihr Papiertheater

Michael Töpel: Wann und wie bist Du mit dem Papiertheater in Verbindung gekommen und was hat das in Dir bewirkt?

Annette Töpel: Bei lieben Freunden, die das Papiertheaterspiel schon lange traditionell innerhalb ihrer Familie pflegen, sahen wir (mein Mann und ich) zwei verschiedene Aufführungen, die uns sofort begeisterten. Auch hier wurde alles selbst entworfen vom Text über die Figuren bis zu den Bühnenbildern. Ich wusste sofort: Das will ich auch machen! Den dafür notwendigen Theaterkorpus inklusive der Führungsstäbe für die Figuren ließ ich mir kurzerhand anfertigen und konnte daraufhin gleich loslegen. Den Theaterbesuch bei unseren Freunden kann man also quasi als Initialzündung meiner eigenen Papiertheaterbegeisterung bezeichnen, sogar in mehrfacher Hinsicht, denn mein Mann, der ja Komponist ist, hat eines der Stücke, welches wir bei unseren Freunden sahen, sehr erfolgreich als Oper vertont!

 

Wie würdest Du den Unterschied vom Papiertheater zum „Menschentheater“ beschreiben?

Eine miniaturisierte Welt!

 

Worin bestehen nach Deiner Auffassung die Vor- und Nachteile des Papiertheaters im Vergleich zum „Menschentheater“?

Der größte Vorteil des Papiertheaters besteht m.E. unzweifelhaft in der bereits genannten Miniaturisierung: alles kann man quasi in „Personalunion“ selbst gestalten und handhaben, sofern man über die entsprechend notwendigen diversen Qualitäten verfügt: Hierzu gehören guter Umgang mit Sprache (besonders auch in historischem Sinne), zeichnerische Fähigkeiten mit einem möglichst individuellem Charakter (wichtig ist auf jeden Fall auch grundlegendes Wissen bezüglich architektonischer Gesetzmäßigkeiten beim Zeichnen von Gebäuden und Innenräumen!), Kenntnisse von historischen Modestilen. Ein weiterer Vorteil besteht in der eigenen Mobilität – alles ist transportabel – man gelangt also problemlos auch selbst direkt zu seinem Publikum! Papiertheater ist im Gegensatz zum „Menschentheater“ zweidimensional. Dies betrifft vor allen Dingen die Figuren, bei denen ja stets nur die bemalte Vorderseite zu sehen sein soll. Bei den Bühnenbildern lässt sich hingegen durchaus vieles auch räumlich darstellen, indem man auf bestimmte Weise so zeichnet, dass Dinge dreidimensional erscheinen. Sehr gut lassen sich auch kleine räumlich wirkende Kulissenelemente einbauen, indem man z.B. aufklappbare Teile in den Bühnenbereich hineinragen lässt oder bei den Vorderkulissen Teilbereiche ausschneidet und sie dadurch transparent werden. Im Grunde kann man hierbei also eigentlich nicht unbedingt von Vor- oder Nachteilen sprechen, denn wie gerade beschrieben, hat man beim Papiertheater immense Gestaltungsmöglichkeiten! Es bestehen jedoch vor allem in der Bühnenlogistik im Vergleich zum „Menschentheater“ durchaus einige Beschränkungen: Wenn man alleine spielt – also ohne eine zweite Person – kann man nur eine sehr begrenzte Anzahl von Figuren führen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn man mit der einen Hand auch noch kleine Perkussionsinstrumente für bestimmte akustische Effekte bedienen oder Requisiten in den Bühnenraum bringen muss. Auch hat man keinen Schnürboden wie beim „Menschentheater“ zur Verfügung, wo problemlos schnell ein Bühnenbild gewechselt oder eine Person bzw. Gegenstände in oder aus dem Bühnenbereich manövriert werden können. Zudem können sich die Figuren auch nicht selbständig „umkleiden“, d.h. falls für eine Figur ein Kleidungswechsel vonnöten ist, muss man die betreffende Person zweimal zeichnen! Und letztlich stellt man beim Papiertheater alle Stimmen der beteiligten Figuren selbst dar, d.h. es ist hinsichtlich des Timbres der gesprochenen Texte hier selbstverständlich nur eine Annäherung an die Möglichkeiten im Vergleich zum „Menschentheater“ mit seinen diversen Akteuren realisierbar.

 

Du schreibst die Texte selbst, gestaltest das Bühnenbild und auch die Personen, außerdem führst Du Deine Papiertheaterstücke selbst auf, d. h.: Du sprichst alle Figuren selbst. Kann man sagen, dass dies eine Personalunion von der Intendanz bis zur Backstage ist?

Auf jeden Fall.

 

Wie fühlt es sich an, allein für eine gesamte Theaterproduktion verantwortlich zu sein?

Das ist einfach großartig! Sich in so unterschiedlicher Weise immer wieder aufs Neue herauszufordern, ist unglaublich bereichernd für die eigene Kreativität! Als Künstler ist es wichtig, sein eigener Herr sein zu können – da empfinde ich die Personalunion beim Papiertheater geradewegs als Idealfall!

 

Wie kalkulierst Du das „Timing“ Deiner Aufführungen, das Erzähltempo und die Charakterisierung der Personen – und zwar optisch wie akustisch während der Aufführung?

All das ergibt sich im Grunde aus der Textgestaltung. Und ganz zu Beginn steht natürlich die Auswahl des Stückes. Dessen Inhalt muss für die Gestaltung als Theaterstück interessant genug sein. Zudem eignet sich auch nicht jeder Stoff für das Papiertheater. Das wäre z.B. hinsichtlich der eingeschränkten Bühnenlogistik dann der Fall, wenn die Handlung zu viele Szenenwechsel erfordern würde. Bei der Ausarbeitung der Texte habe ich bereits eine rudimentäre „Skizze“ der Szenen im Kopf, die sich aus der Handlung des Stückes ergeben. Das ist sehr wichtig, denn bevor man mit den Texten bzw. Dialogen loslegen kann, muss man sich klar darüber sein, was sich auf der Bühne realisieren lässt! Dabei kommt es öfter vor, dass sich die Anzahl der Szenen noch verändert. Wenn ich die Texte schreibe, geht mir das meist flüssig von der Hand, besonders dann, wenn ich mich innerlich vollkommen in die jeweilige Situation hineinfühle. Dabei liebe ich es bei historischen und phantastischen Stoffen wie z.B. Märchen besonders, mit der damaligen Sprache zu arbeiten. Denn in meinen Produktionen will ich überall ganz authentisch sein! Hinsichtlich des „Timings“ der Aufführung sitze ich keinesfalls mit irgendeiner Art „Stoppuhr“, denn die Länge eines Stückes ergibt sich quasi aus der Länge der Erzählung. Um größere Zeitverläufe innerhalb einer Geschichte zu verdeutlichen, lassen diese sich z.B. sehr gut monologisch oder auch dialogisch darstellen, so dass man einen Stoff damit straffen kann. Was den Charakter der Figuren betrifft, versuche ich sowohl in den Texten als auch in der zeichnerischen Darstellung unbedingt jeder Figur eine Persönlichkeit zu geben. Da kommen dann auch schon mal recht kuriose Typen vor! Dies lässt sich bei den Texten besonders schön gestalten, denn ich finde es wichtig, dem Publikum auch hier und da komödiantische Einlagen zu präsentieren! Auf der Bühne kann man dann die Figuren richtig aufleben lassen und mit dem Stimmtimbre die verschiedenen Personen charakterisieren. Es macht übrigens besonders Spaß, „Bösewichte“ oder fiese Typen darzustellen!

 

Nach welchen Kriterien suchst und findest Du die Stoffe, die Du dann für Dein Papiertheater dramatisierst, und in welcher Epoche hast Du deine bisherigen Stücke spielen lassen?

Beim Theaterbesuch betreten wir für eine bestimmte Zeit eine andere Welt. Diese Welt kann alles Mögliche sein, aber auf jeden Fall wird eine Geschichte erzählt! Und eine besonders schöne Art und Weise, dies zu tun, bieten in meinen Augen Märchen, weil sie so vielschichtig sind. Eines der wichtigsten Merkmale der meist sehr spannenden Handlungen sind meines Erachtens dabei die den Geschichten innewohnenden zeitlosen Lebensweisheiten. Jedes Märchen endet damit sozusagen mit einer Art „Conclusio“! Schon allein deswegen sind sie so wertvolle Erzählungen und erfreuen sich nicht ohne Grund ungebrochener Beliebtheit! Was die Epoche bei Märchen betrifft, sind der Phantasie natürlich keine Grenzen gesetzt. Ich persönlich denke dabei aber sehr gerne an die Renaissance. Das ist eine besonders kleidungsmäßig und architektonisch sehr schöne Zeit und passt gut, wenn ich mir zum Beispiel eine Prinzessin oder einen König vorstelle. Die historische Umsetzung des Stoffes soll auf jeden Fall einen Genuss fürs Auge bieten, und wenn ich anfangs davon sprach, dass man als Publikum beim Theaterbesuch eine andere Welt betritt, ist eine schöne Inszenierung eines der ganz zentralen Kriterien, die Theater erfüllen sollte und welches ich für mein Papiertheater als essentiell betrachte. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich Märchen oder ein anderes Genre inszeniere; das Ambiente muss immer zum Stück passen! Was die Stückauswahl bei Märchen betrifft, schaue ich zuerst, auf welche Weise Stoff und Inszenierung zueinanderkommen. Dabei macht man notgedrungen manchmal Abstriche, denn oft ist eine Geschichte wunderschön, würde aber auf der Bühne unzählige Szenenwechsel erfordern, denn eine Eigenart von vielen Märchen ist ja gerade eine umfangreiche Handlung, in der sich ständig die Orte und die Personen verändern. Da besonders die detaillierten Bühnenbilder einen enormen Arbeitsaufwand erfordern, muss man letztendlich auch etwas ökonomisch denken. Es gibt überdies so viele interessante Genres an Stücken, auch jenseits der Märchen, die ich mir für mein Papiertheater vorstellen kann, u.a. auf jeden Fall Komödien (z.B. Molière), historische Stoffe und natürlich Krimis.

 

Theater braucht Publikum! An wen richtest Du Dich mit Deinen Stücken? Gibt es für das eine oder andere Stück ein spezielles Publikum, etwa Kinder oder eher Erwachsene?

In meinem Theater sind jung wie alt herzlich willkommen! Bei der Umsetzung meiner Stücke strebe ich ein hohes künstlerisches und ästhetisches Niveau an. Bei Märchen sind natürlich einige für Kinder besonders geeignet, ich mache aber nirgendwo aus irgendeinem Grund etwas Infantiles oder Anbiederndes. Wenn ich selbst von einer Inszenierung überzeugt bin, merkt das auch das Publikum, und wenn es den Leuten gefällt, ist das immer meine größte Freude!

 

Du bist Pianistin und hattest Dich als Jugendliche schon frühzeitig für die Musik entschieden. Nun sind Entscheidung für eine Option mitunter auch Entscheidungen gegen eine andere Möglichkeit. Da Du auch zeichnerisch begabt bist, stellt sich diese Frage: Kommt das Papiertheater auch Deiner „anderen“ Fähigkeit entgegen, die ansonsten zugunsten der Musik zurückstehen musste?

Das kann man durchaus sagen. Die Initialzündung, Papiertheater zu machen, hat meine zeichnerische Leidenschaft quasi aus dem Dornröschenschlaf geweckt!

 

„Selbstverwirklichung“ ist zwar zum wohlfeilen Schlagwort verkommen. Dennoch: Tendiert es auch ein wenig in diese Richtung?

Wenn man davon ausgeht, dass ein Künstler immer auch ein Selbstdarsteller ist, würde ich es eher folgendermaßen ausdrücken: Eine Weisheit lautet: „Gabe ist Aufgabe!“ Schöner lässt es sich eigentlich nicht sagen, dass man seine Talente nutzen sollte, die man geschenkt bekommen hat. Überdies ist es einfach wunderbar und gesellschaftlich auch ungemein wichtig, kreativ zu sein, gerade in unserer heutigen unruhigen Welt. Und ich bin sehr glücklich, wo ich als freie Künstlerin arbeiten kann, auch die Zeit zu haben, zusätzlich zu meinen musikalischen Aktivitäten mich dem Papiertheater widmen zu können! Denn – wie stets in der Kunst – wenn man das professionell betreiben will, erfordert es einigen Zeitaufwand. Da sitzt man an einem einzigen Bühnenbild schon mal eine ganze Woche! Um noch einmal auf den Begriff „Selbstverwirklichung“ zu kommen: Kunst – in meinem Fall Musik und Papiertheater – sind für mich Lebensnotwendigkeiten, man könnte auch sagen: Seelen-Therapeutika! Bei der Musik entscheide ich mich für Werke, die ich gerne spielen möchte. Das Papiertheater eröffnet mir mit der Personalunion eine ganz eigene Welt, die ich auch durchaus als kleines privates Exil interpretiere.

 

Darf man nach Plänen fragen? Wäre beispielsweise ein Kriminalstück eine Möglichkeit?

Unbedingt! Das steht, wie schon erwähnt, in jedem Fall auf meiner Agenda!

 

Beim Papiertheater ist zwischen den Szenen oftmals ein Wechsel des Bühnenbildes notwendig, der angesichts des empfindlichen Papiers mit Vorsicht und mit Bedacht ausgeführt werden muss. Was passiert, während Du mit Deinem Wechsel des Bühnenbildes und mit dem Ab- und Auftreten der Figuren beschäftig bist?

Ich habe in meinem Mann einen kongenialen Partner, der während der Szenenwechsel das Publikum auf dem Cembalo bzw. Klavier bei Laune hält! Außerdem spielen wir ja meist vor Beginn der Vorstellung zusammen ein kurzes kleines gemeinsames Stück als Einstimmung, ich dabei dann auf meiner Viola d‘amore. Nun, und während des Bühnenumbaus denke ich natürlich an all die Dinge, die für die jeweils nächste Szene wichtig sind, also alle beteiligten Figuren und etwaige Requisiten.

 

Du hast ja kein eigenes Papiertheater-Haus mit Zuschauersaal etc.: Wie verhält es sich mit der Logistik, wenn Du zu Deinen Aufführungen unterwegs bist?

Da alles problemlos transportabel ist und ins Auto passt, habe ich keine Mobilitätsprobleme! Allerdings ist meine Theaterlogistik inzwischen ziemlich gewachsen und fast mit dem ganzen Drumherum des „Menschentheaters“ vergleichbar. Ich muss also immer quasi eine Checkliste der Dinge abhaken, die ich für das jeweilige Stück benötige. Und in jedem Fall gehört natürlich die Grundausstattung immer dazu, wie z.B. der Theaterkorpus und die Führungsstäbe, Beleuchtung mit Verlängerungskabeln und Mehrfachsteckdosen, Tapeziertische inklusive Pannesamtdecke als Standfläche fürs Theater, Textbuch plus Klapppult usw. Zur Logistik gehört natürlich ebenfalls genügend Vorlaufzeit für Ortsinspektion und Aufbau.

 

Wird das Papiertheater möglicherweise die Bedeutung der Musik übersteigen?

Auf keinen Fall! Die verschiedenen Kunst-Genres Musik, Literatur und Malerei stehen niemals in Konkurrenz zueinander. Im Gegenteil, beides – Musik wie Theater – ergänzen sich für mich kongenial als Lebenselixier!